Das Schulprogramm des Rats

4.3. Gesellschaftswissenschaften
4.3.4. Philosophie

Begreift man Philosophieren als kommunikatives Handeln oder im klassischen Verständnis als dialogisches Denken, so beinhaltet dieses Vorverständnis eine deutliche fachpädagogische Weichenstellung. Denn Philosophieren ist anders als Philosophie nicht Vermittlung historischer Schulen oder Lehren der Philosophie. Philosophieren ist vielmehr geistige Tätigkeit als methodische Reflexion, d.h. es vollzieht sich als Nach- oder besser Überdenken dessen, was Reflektierende (Schüler) von sich, von anderen und von anderem zu wissen glauben, wovon sie also in sinnlicher und geistiger Gewissheit Bewusstsein entwickelt haben; sei dieses nun politisches, ethisches, ästhetisches, weltliches oder Selbstbewusstsein.

Philosophieunterricht am Ratsgymnasium ist um dieses reflexiv dialogische Lehren und Lernen bemüht. Was und worüber und wie kommuniziert wird, ist in seiner Thematik und Methodik entscheidend vom Selbst- und Wirklichkeitsbewusstsein, vom dem lebensweltlichen Vorverständnis der Grundkursteilnehmer mitbestimmt.

Natürlich geben die Richtlinien des Faches Philosophie den Rahmen vor. Das beeinträchtigt aber in keiner Weise das schülerorientierte Dialogisieren selbst. Vielmehr kann dieser Rahmen als Strukturierungs- und Orientierungshilfe genutzt werden, insofern Selbstbestimmtheit und Selbstständigkeit des Philosophierens sich erst prozessual entwickeln können und müssen.

Der Philosophielehrer hat im dialogischen Prozess nur nachgeordnete Informationsfunktion. Seine Aufgabe ist es vor allem, den Dialog zustande zu bringen und seinen begrifflichen Fortgang und seine innere Dynamik zu gewährleisten. Das bedeutet methodisch-begriffliche Klärung vorphilosophischer Fragen und Probleme, Bereitstellung fachspezifischer Information, Erhaltung der philosophischen Einstellung zur Reflexion u.a.m.
Philosophische Einstellung wird hier verstanden als prinzipiell rationales Argumentieren, gleich ob es um ethisch-politische, ästhetische, wissenslogische oder metaphysische Fragestellungen geht. Rational heißt analytisch argumentieren. Analytisch meint die Bemühung der Lernenden um klare Begrifflichkeit, d.h. Implikationen, Konklusionen und Prämissen so zu klären, dass der Diskurs zu Argumenten von deduktiver oder mindestens von relationaler Gültigkeit gelangt. Gelingt Philosophieren als solcher rational argumentativer Dialog, vermag der Philosophieunterricht kritisches Selbst-, Daseins- und Realitätsbewusstsein bei den Philosophieschülern grundzulegen.

Kritische Bestimmtheit ist dem Philosophieren am Ratsgymnasium als rationale Konsequenz wichtig, insofern kritisch ? philosophisch verstanden ? die fortgesetzte und fortzusetzende Unterscheidung des Unterschiedenen meint, der philosophische Dialog mithin ein nicht abzuschließender Prozess wird, in dem sich das je erreichte Selbst-, Daseins- und Weltbewusstein erneuern, korrigieren und finden kann.

Philosophieren als rational argumentativer Dialog hat eine zweite, wichtige Zieldimension: Rationale Verständigung und intersubjektive Auseinandersetzung im Dialog bildet bei den Schülern nicht monologisch personale Urteilsunabhängigkeit und Urteilsselbständigkeit aus. Die Schüler finden vielmehr mit anderen im gemeinsamen philosophischen Gespräch dazu. Philosophieren als kommunikatives Handeln entwickelt und fördert also nicht nur das dialogische Ich-/Du-Bewusstsein der Schüler, sondern zugleich ein Wir-Bewusstsein. ,Wir' bedeutet philosophisch betrachtet den Versuch einer Generalisierung von konkreten, individuellen Auffassungen und Überzeugungen. Das ,Wir' gemeinsamer rationaler Argumentation entfaltet also das Vernunftpotenzial konkreter Alltagskommunikation der Lernenden.


Zuletzt aktualisiert am 06.04.2011

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